Autor: Dique

  • Bartolomeo Bimbi, der Birnenmaler

    Ich bin auf dem Weg zum Museo di Capodimonte. Als ehemalige Sommerresidenz liegt es ein bisschen außerhalb auf einem Hügel. Ich fahre mit einem Bus des öffentlichen Nahverkehrs hinauf. Das Capodimonte hält eine ziemlich spektakuläre Bildersammlung, doch das scheint heute und vielleicht auch sonst überhaupt niemanden zu interessieren. Das menschenleere Haus steht in einem wunderschönen Park und ist durch kaum ein Hinweisschild erschlossen. Irgendwo ist mal ein kleiner Pfeil zu sehen, auf dem einfach nur Museo steht.

    Hier befindet sich die Nummer 2 der in Neapel befindlichen Bilder von Caravaggio. Auch sonst wird man in der ganzen Stadt ständig von Caravaggio-Effekten angeblinkt. Wenn man nur eine Kirche betritt, hängen da überall die Bilder der Neapolitaner, die ihren Style in seinem Fahrwasser entwickelt haben. Einige der unzähligen Bilder sind sehr gut, andere beinah grotesk in der kopierten Übertreibung.

    Im Capodimonte nun »The Flagellation«, auch hier in Neapel im Jahre 1607 entstanden und eventuell erst bei Caravaggios zweitem Kurzbesuch in der Stadt beendet. Die Hängung ist fabelhaft, denn man sieht das Bild schon aus weiter Ferne und kann einen langen Gang darauf zuschreiten, bis man dann in der exklusiven, abgedunkelten Nische steht. Die Dunkelheit des Raumes lässt die sadistische Figurengruppe um den Christus noch effektvoller aus der Dunkelheit heraus scheinen. Christ responds naturally, with involuntary physical reaction, His powerful physique emphasizing His helplessness and sense of degradation.

    Dann geht es durch mehrere Räume mit Caravaggisti und dann irgendwann in die Stillleben-Abteilung: wunderschöne Bilder von Recco und Ruoppolo, aber auch zwei unglaubliche Gemälde, die riesige Stapel von Birnen zeigen, Birnen, Birnen, Birnen, und sie sind zu einer Pyramide gestapelt, auf einem silbernen Tablett. Der Hintergrund ist dunkel, man sieht also somewhat Caravaggesque die aus der Dunkelheit herausstrahlenden Birnen liegen. Unten am Rand des Tabletts oder der Tabletts, denn beide Bilder ähneln sich sehr, hängen dann noch drei vereinzelte Birnen.

    Verglichen mit dem Apfel ist die Birne eine Frucht, die recht selten auf Gemälden auftaucht. Es gibt zwar ein paar gemalte Madonnen mit Birne, und da ist die Symbolik der Frucht dann auch klar. Nirgends sonst aber taucht sie so prominent und in solcher Menge auf wie hier. Der Maler des Bildes heißt Bimbi, Bartolomeo Bimbi, ein Florentiner, der sich auf Blumen- und Früchtebilder spezialisiert hat.

    Die beiden Birnenbilder sind jedenfalls ziemlich grauenhaft, auch nicht sehr toll ausgeführt. Sie sind vielleicht auch not so much a still-life as a psychological portrait of fruit, sehen mit diesen Birnenpyramiden jedenfalls herrlich bizarr aus. Ich kannte Bartolomeo Bimbi nicht und hatte still gehofft, dass er sich in seinem Œuvre fast ausschließlich der Birne verschrieben hat. Dem ist leider nicht ganz so, aber in Neapel bekommt man eine Ahnung von den hochfliegenden Birnenträumen des Bartolomeo Bimbi.

    Ein anderes eher selten gemaltes Gemäldegemüse ist die Gurke. Vor allem Carlo Crivelli nahm sich ihrer an: Mal brachte er sie ganz einsam auf dem Marmorboden weit vor einer Madonna mit Kind liegend, mal ein bisschen versteckt im Gemüsekranz im Hintergrund, aber immer hervorragend und mit Liebe zum Detail ausgeführt. Die Gurke hat natürlich phallische Bedeutung, Unkeuschheit usw., dennoch darf man sich über ihre Omnipräsenz im Werk von Carlo Crivelli ein bisschen wundern, so wie über die Birnen von Bartolomeo Bimbi. Aber vielleicht fand Bimbi die Birne auch einfach nur schön.

  • Die sieben Werke der Barmherzigkeit

    Gerade in Neapel angekommen und trotz Sonnenscheins wirkt die Altstadt so dunkel wie die neapolitanische Malerei des 17. Jahrhun­derts. Caravaggio hielt sich nur ca. zehn Monate in der Stadt auf, nachdem er in Rom zum Mörder geworden war, hinterließ aber in dieser kurzen Zeit einen ungeheuren Eindruck auf die Malerschaft der Stadt. Am auffälligsten ist sein Einfluss bei Ribera, dem kleinen untersetzten Spanier, lo Spagnoletto.

    Denkt man heute an Neapel, denkt man vielleicht nicht gleich an Caravaggio, Ribera und die Caravaggisti, sondern mit Medienbias an die so genannte Müllmafia. Zur Zeit der neapolitanischen Caravaggisti war das sicher ganz anders, allerdings gab es eine Art Malermafia, denn Jusepe de Ribera, Battistello Caracciolo und Belisario Corinzio formten eine tyrannische Verschwörung.

    Barmherzigkeit, Ausschnitt

    Zog ein auswärtiger Maler einen lukrativen Auftrag in Neapel an Land und war mutig genug, diesen anzunehmen, konnte er sicher sein, dass er von Ribera und seinen Schergen bedroht würde. Ein Assistent von Guido Reni verließ die Stadt schleunigst, nachdem er, wahrscheinlich von Corinzio persönlich, an der Schulter verletzt wurde. Als später Domenichino in die Stadt kam, um einen Freskoauftrag zu übernehmen, erhielt er sofort Drohbriefe von der Ribera-Gang.

    Der arme Domenichino traute sich kaum auf die Straße, maximal um sich auf den Weg zur Arbeit zu machen. Die Nahrungsaufnahme ward ihm zur Qual, weil er unter der ständigen Angst lebte, sein Essen könne vergiftet sein. Und nun werde auch ich gerade in Neapel fast vergiftet:

    Ich habe in Berlin-Schönefeld dem Hunger widerstanden, weil ich mich schon auf das Essen in Neapel freute. Es ist dann 16 Uhr, als ich die Via Tribunali betrete, also keine klassische Essenszeit, und ich will mir nur einen kleinen Snack genehmigen. Ich gehe in die schlimmste Snackbar von ganz Neapel und der Welt überhaupt, La Taverna Di Totò.

    Barmherzigkeit, Ausschnitt

    Ich esse eine gefüllte Teigtasche und eine Krokette, beide sind so trocken, so alt, dass ich mir gut vorstellen könnte, dass sie noch von Ribera persönlich vergiftet wurden. Am nächsten Tag, zwischendurch habe ich dann tatsächlich schon mal gut zu Abend gegessen und gefrühstückt, würde ich noch mal bei dieser snack bar from hell vorbeikommen und nicht begreifen können, wieso ich heute dort hineingehen musste.

    Jetzt ist es aber immer noch heute und ich habe noch diesen furchtbar trockenen Geschmack im Mund und laufe angeschlagen die Via Tribunali hinunter. Nach ein paar Metern drehe ich mich beinah zufällig nach rechts, einfach so, als sei nichts gewesen, und sehe in der Ferne ein monströses Altarbild.

    Unter den baufälligen Arkaden tut sich ein Kircheneingangsportal auf. Obwohl ich in der Stadt noch keine Orientierung besitze, weiß ich, dass diese Kirche die Pio Monte della Misericordia ist, denn über dem Altar in der Ferne sind »Die sieben Werke der Barmherzigkeit« zu sehen, von Michelangelo Merisi genannt Caravaggio.

    Barmherzigkeit, Ausschnitt

    Was für ein Moment, ich habe diesen furchtbaren Geschmack im Mund und rieche nach schlechtem Weichspüler, weil ich kurz unter frisch aufgehängter Wäsche gestanden habe, die mich duschte, als ich den Rest der fürchterlichen Krokette entsorgte. Einen Laden weiter gibt es Schuhe für 3 Euro, gleich daneben frischen Fisch, und da hinten in der Kirche hängt dieses herrliche Bild.

    Ich kann aber nicht in die Kirche, weil gerade irgendwelche Dreharbeiten stattfinden und mir der Eintritt verwehrt wird. Nach einer Weile gehe ich einfach weiter und erinnere mich an ein paar Worte von Robert Hughes zu diesem Bild. »Once again, Caravaggio’s eye, the gesture and expression working through the dark has made its rhetorical point. It’s almost, if not quite, the first masterpiece of social realism.«

  • Kaffeehaus des Monats (Teil 46)

    Wenn du mal richtig Zeitung lesen willst:

    Bar Antille, Neapel (streng anti-touristisches Fotoshooting)

    Neapel
    Die Bar Antille in der Via Agostino Depretis.

    (Die Pizzeria Da Michele gibt es schon seit 1870 und man bekommt dort nur zwei Sorten Pizza, Margherita und Marinara. Der Laden ist bekannt wie ein bunter Hund, aber die Pizza ist es wert, dafür eine Nummer zu ziehen und wie ein Depp mit all den anderen Japanern auf der Straße zu warten, bis in dem klinisch hell beleuchteten und furchtbar schlecht eingerichteten Laden ein Platz frei wird. Die Bar Antille ist nur einen kleinen Fußweg entfernt, und hier darf man endlich wieder Mensch sein. Außer einem Amtsblattäquivalent gibt es aber keinen Lesestoff, Zeitung bitte selber mitbringen.)
     

  • Cinnabon

    Lange war ich achtlos an der Cinnabon-Filiale auf dem Queensway vorbeigegangen. Dann sah ich letzte Woche die Stand-up-Show »Chewed Up« von Louis C. K., der darin von diesen fetten Zimtbomben erzählt. Für alle, die wie ich bis vor kurzem keine Ahnung hatten, was ein Cinnabon ist – so beschreibt sie Louis C. K. in his very own words:

    »It’s a six-foot high cinnamon-swirled cake made for one sad fat man. Even if you have a vagina, you’re a man if you are eating a Cinnabon. In that moment you are a man!«

    Mit diesem Wissen ging ich heute wieder an der erwähnten Cinnabon-Filiale vorbei. Der Laden schien aber nicht wirklich einzuschlagen wie eine Bombe, er war gähnend leer, obwohl er laut Louis C. K. voll mit einer bestimmten Art Mensch sein sollte:

    »It’s all dudes like me, or fatter, saying like, oh fuck, I’m getting a Cinnabon.«

    Irgendwie ist in letzter Zeit alles Zimt. In Hamburg beim Bäcker gibt es überall Franzbrötchen. Die sehen aus wie überfahrene Croissants, aber eben mit Zimt, und sind tatsächlich Überlebende der napoléonischen Besatzung. Außerdem schaue ich ab und an die amerikanische Show »Man v. Food« mit Adam Richman, die eigentlich richtig fürchterlich ist, denn es geht um lukullisch-prollige Megalomanie. Irgendwann sah ich ihn, wie er ein über zwei Kilo schweres Steak aß und das tatsächlich irgendwie überstand. (Man vs. food! Man won!)

    In einer der letzten Folgen war er in Texas, um den schärfsten Burger der Welt zu essen, den bisher nur drei Männer vor ihm schafften und, ohne groß Spannung erzeugen zu wollen, Richman wird der vierte im Bunde. Vorher war er aber noch in einer Bäckerei, in der sie auch Zimtrollen anbieten, nicht die world-famous Cinnabons, sondern eben eine lokale Variante, allerdings so groß und schwer, dass sie niemand allein bewältigen kann. Die Dinger wiegen auch mehrere Kilogramm und beim Anblick all der Butter, des Zuckers und des Zuckergusses wird einem ganz schwindelig.

    Obwohl die Cinnabons deutlich kleiner sind als die texanischen Zimtbomben aus »Man v. Food«, musste ich an diese denken, als an mir vorbei eine Frau in die Cinnabon-Filiale schritt. Sie war mit ihrem Freund da und der wollte gar nicht so richtig ran an die Zimtriesen. Dem Akzent nach kam sie aus Amerika und war mit den Cinnabon­freuden anscheinend wohlvertraut, und durch die Scheibe sah ich, wie sie wirklich eine dieser zuckergussig glänzenden Zimtschnecken bestellte.

    Und ich musste an Louis C. K. denken, und während die Frau schmatzend den Laden verließ, wurde sie tatsächlich vor meinen Augen zum Mann. Und obwohl ich eigentlich auch mit dem Gedanken gespielt hatte, so einen Cinnabon zu kosten, verging mir der Appetit, und ich bin dann einfach unverrichteter Dinge gegangen, und weil ich den »Economist« schon ausgelesen hatte, habe ich dann doch noch den Weltkriegs-»Spiegel« gekauft, obwohl ich das eigentlich vermeiden wollte. (Man vs. food! Man lost!)

  • Der Vermeer-Fälscher

    Ganz anders als der kürzlich hier besprochene Shaun Greenhalgh war Han van Meegeren ein Dandy und Lebemann. Wie Greenhalgh fälschte er Kunst, führte aber, ganz anders als der mit seiner Familie trotz großartigen Fälschungserfolgen in einer Sozialwohnung weiterlebende Brite, ein flamboyantes Dandyleben.

    Han van Meegeren (1889–1947) fälschte niederländische Altmeister­gemälde, bevorzugt Vermeer. Er besorgte alte Pigmente, benutzte Dachshaarpinsel, malte auf zeitgenössische Gemälde von zum Beispiel Govaert Flinck oder mimte die Risse des sogenannten Krakelee durch eigens entwickelte Hitzebehandlungen der Malschicht.

    Nachdem er dann der Meinung war, dass die Qualität seiner Vermeers gut genug sei, begann er sie auf dem Kunstmarkt anzubieten und machte schnell einen großen Deal mit dem holländischen Reeder und Sammler van Beuningen. Der kaufte ihm für über eine Million Gulden ein »Abendmahl« ab, vermeintlich von Vermeer.

    Noch spektakulärer war einige Zeit später der Verkauf eines weiteren Vermeers, »Christus und die Ehebrecherin«. Dieser ging an den Lebemann unter den Nazigranden, an Hermann Göring, der über mehrere Kunstagenten europaweit Gemälde aufsaugte und ebenso diesen Vermeer ankaufen ließ.

    Das Bild hing dann stolz in den Ausstellungsräumen von Carinhall, dem aufgedonnerten Jagdschloss in der Schorfheide, und Göring erfreute sich an diesem vermeintlich echten Vermeer vielleicht bis zu seinem jähen Ende. Es sei denn, er hörte im Nürnberger Gefängnis noch von Han van Meegerens Verhaftung. Man hatte nämlich bei einem Kunsthändler Unterlagen gefunden, die den Verkauf des angeblichen Vermeer-Bildes nach Deutschland bezeugten, und deshalb wurde er als Kollaborateur und Ausverkäufer nationalen Kulturgutes angeklagt.

    Nun ging Han van Meegeren gewaltig der Frack. Er legte ein Geständnis ab, »ätsch, ich habe den fetten Göring verarscht, das war gar kein echter Vermeer, den habe ich doch selbst gemalt«. Ungläubigkeit machte sich breit, doch zum Beleg seiner Aussage malte er einen weiteren Vermeer, unter Beobachtung, im Gefängnis.

    Die Qualität dieses Vermeers soll aber weit hinter der Qualität der im Umlauf befindlichen Vermeerfälschungen zurückstehen, und deshalb gibt es bis heute Zweifler, die davon überzeugt sind, dass mindestens einige dieser van-Meegeren-Vermeers echt sein sollen, obwohl die gegenteiligen Beweise recht offensichtlich sind.

    Der frühe van-Meegeren-Käufer van Beuningen glaubte jedenfalls bis zu seinem Tod im Jahr 1955 daran, dass sein Vermeer-»Abendmahl« echt und van Meegeren ein Scharlatan sei. Und auch Göring muss seinen Selbstmord in der Überzeugung begangen haben, mal Besitzer eines der ganz wenigen Vermeers gewesen zu sein.

    (Ich las über den Vermeer-Fälscher in Pierre Cabannes »Geschichte großer Sammler«, sehr schönes Buch übrigens. Ich habe mir jetzt noch für ein paar Cent ein Buch über van Meegeren bestellt, »Ich war Vermeer«, weiß aber nicht, ob ich das jetzt wirklich noch lesen soll und will.

    Usw.)

  • Turandot und die Sitznachbarin des Grauens

    Für den Kalaf mag es im Augenblick keine Stimme geben, aber ich gehe dennoch in die »Turandot«-Aufführung der Staatsoper. Nun komme ich kurz vor Beginn der Vorstellung in Loge 4, Reihe 2 an, und auf meinem Sitz liegt, trotz des sommerlichen Wetters, ein recht großer und leicht angeschmutzter Anorak und einer dieser wiederverwendbaren Supermarktstoffbeutel.

    Widerwillig nimmt die daneben sitzende Dame ihre Sachen weg, knautscht den Anorak lieblos unter ihren Sitz und hantiert mit dem ebenfalls verschmutzten Beutel herum. Ich nehme ihn ihr ab und lehne ihn an die Wand neben den Sitzen.

    Bei Vorstellungsbeginn nimmt die Dame neben mir selbstbewusst die Gemeinschaftsarmlehne des Sitzes in Anspruch. Ihr Ellbogen befindet sich so weit in meinem Sitzbereich, dass ich die Spitze konstant in meiner Seite spüre, obwohl ich mich so gut wie möglich nach außen drücke, denn glücklicherweise sitze ich am Rand und habe Raum, sitze aber äußerst unbequem.

    Von jetzt an habe ich über die gesamte Vorstellungsdauer das Gefühl, dass mich ein Ellbogen, wenn auch nur leicht, an der Seite berührt, auch wenn ich deutlich sehe, dass es nicht so ist. Nach einer Weile kommt sie trotz der engen Sitze auf die Idee, ihre Beine übereinander zu schlagen, und berührt mit ihrem in der Luft hängenden Fuß auch noch mein Bein.

    In der Pause heule ich mich bei San Andreas aus, wir hatten zu spät gebucht und keine zusammenhängenden Plätze mehr bekommen. Kurz vor dem zweiten Akt komme ich zurück, auf meinem Stuhl das alte Bild, der Anorak wird aber recht zügig entfernt. Den Beutel hat sie auf dem Schoß, darauf eine Keksbox, sie kaut noch, Krümel um den Mund, und bietet mir dann noch, die Keksdose reichend, einen ihrer an den Ecken schon stark zerbröselten Butterkipfel an.

    Ich lehne höflich ab, stelle den Beutel wieder auf die Seite, und es geht einfach so weiter, Ellbogen, irgendwann gehen die Beine wieder übereinander und ich halb aus dem Stuhl und habe das Gefühl, dass es bereits viel zu spät ist, um noch irgendetwas dazu zu sagen und zu klären.

    Nach der nächsten Pause kann ich mich dann gleich hinsetzen, mein Platz ist frei, der Beutel lehnt an der Wand. Eine Sekunde vor Beginn, das Licht wird gerade ausgeblendet, fragt sie jemanden, der hinter ihr sitzt und anscheinend zu ihr gehört: »War die mit dem weißen Kleid die Prinzessin, die heiraten soll?« Und sagt gleich hinterher: »Gestern habe ich Asterix und Obelix gesehen, da sind die auf einer Insel gestrandet, aber da war schon jemand.«

    Im dritten Akt habe ich mich an meine Situation bereits sehr gut gewöhnt, es erscheint mir einfach normal, und ich genieße endlich in Ruhe das wunderbare Schauspiel auf der Bühne. Direkt als der Schlussapplaus einsetzt, fragt sie mich dann noch, ob es denn jetzt zu Ende sei. Ich bejahe, und sie fängt mit großer Begeisterung an zu klatschen.

  • Der Eisbeutel-Effekt

    Nach der Lektüre seines Gesamtwerks lese ich nun nach langem Versäumnis endlich auch mal eine Perutz-Biografie. Darin steht ein schönes Zitat über einen Perutz-Roman, welches auch auf Pacos »Thanatos«-Erweckungserlebnis passt und irgendwie auch zu meinem Erlebnis neulich mit »Stine« und »Turlupin«, bei deren Lektüre ich dann doch irgendwann wieder mit hinweggerissen wurde:

    »Und dann bekommt man auf Seite 128, auf der vorletzten des Buches, wie mit einem Eisbeutel, einen so merkwürdigen Schlag vor den Magen, daß man die unendliche Geschick­lichkeit des Geschichtenschreibers Perutz wieder bewundern muß.« (cf. hier)

    Das Zitat stammt von Peter Panter alias Tucholsky, und da es sich aber schon fast auf den Schluss bezieht, erinnert es vielleicht eher an den ungeheuren Tempogewinn oder eher die Ungeheuerlichkeit der letzten 5 Seiten von »Grete Minde«. Als ich neulich Paco hier im Café Stenzel traf und meinte, dass ich bis vor dem Losgehen noch »Grete Minde« las und nur noch 5 Seiten fehlen würden, sagte er, dass ich noch gut schockiert sein würde, und ich grübelte die ganze Zeit, was da noch Überraschendes auf mich zu kommen könnte. Und was dann auf diesen letzten Seiten passierte, war dann der Eisbeutel-Effekt in Reinkultur.

    Und hier noch ein lustiges Zitat aus einem Perutz-Brief:

    »Triest ist jetzt von Hochzeitsreisenden überfüllt, die den ganzen Tag am Molo herumlungern und leere Tranfässer photographieren. Wer ihnen begegnet, den belästigen sie und verlangen 100 Auskünfte. Und wenn man glaubt, sie los zu sein, stellen sie sich vor. Sie fragen, ›komm ich hier wohl zum Kastell?‹, und man sagt z. B. ›Ja‹ und will weitergehen. Aber er läuft nach und packt einen beim Arm: ›Ich danke schön, mein Name ist Tille.‹ Heute haben mich zwei solche Kerle angepackt und verlangten: ›Ach, bitte, könnten Sie uns nicht in eine echte italienische Trattoria führen?‹ Ich habe mich gerächt und sie in die hiesige koschere Auskocherei geschleppt, und dort sitzen sie jetzt und fressen Scholet.« (S. 17f.)

    Das ist doch auch sehr geil. Ein ziemlicher Hit ist außerdem – darauf machte das Buch gerade noch einmal in anderem Zusammenhang aufmerksam –, dass der Rebellenführer im »Marques de Bolibar« einfach mal der Gerberbottich heißt. Auch sehr schön, fast so schön wie der Malefiz-Baron im »Schwedischen Reiter«.

    Viele Grüße,
    Dique

  • Christa Wolf und Leo Perutz

    Vielleicht muss ich meine Meinung zu Christa Wolf ändern, denn neulich passierte mir Folgendes. Ich war in der Oper, Staatsoper, hier in Hamburg, allein. Ticket für einen billigen Platz (14 Euro), welcher mir als good value for money empfohlen wurde. Es gab die »Meistersinger von Nürnberg«.

    Ich war noch nie so glänzend vorbereitet wie dieses Mal. Libretto einen Tag vorher gelesen und alle wichtigen Stellen vorgehört. Da die Inszenierung mit Pausen über 5 Stunden dauert, begann die Veranstaltung bereits 17 Uhr, und ich ging hinaus in die Gluthitze des Spätnachmittags, um meine Karte abzuholen.

    Vor dem Kasseneingang stand ein Typ und wollte ein Ticket loswerden. Er sprach gerade Englisch mit zwei Damen, aber die wollten Karten für den nächsten Tag und benötigten sowieso auch zwei. Im Vorbeigehen hörte ich, dass er seine 67-Euro-Karte für 10 Euro anbot. Kurzentschlossen übernahm ich diese Karte und ließ mein Billigticket verfallen, denn die 67er war so ziemlich die höchste Preiskategorie, und ich saß damit Parkett, in der Mitte, weit vorn, wow.

    Der Typ stellte sich als Österreicher heraus und saß dann auch neben mir. Er war mehr oder weniger wegen Wagner extra aus Wien angereist, sagte dann mit diesem herrlichen Wiener Akzent, dass er die »Meistersinger« seit über einem Jahr nicht mehr gehört habe, und »ich woihhht mir auch Hahhhmburg mal ansehhhhhn«.

    Der Typ war selbst Hobbysänger und kannte sich auch sehr gut aus in Opernsachen. Außerdem schleppte er »Erniedrigte und Beleidigte« von Dostojewski mit sich herum.

    In den Pausen immer wieder ein bisschen Klatsch und Tratsch aus der Opernwelt, ich versuchte meine Wissenslücken mit der Erwähnung von glücklichen Highlightbesuchen in Spitzenhäusern wie der Royal Opera und der Met auszugleichen, und der Typ wusste dann auch immer gleich, wer da welchen Part bei den entsprechenden Vorstellungen gesungen hatte. Ich erwähnte natürlich auch die beinahe unzähligen Besuche meiner Lieblingsoper »Turandot«, nur um zu hören (wieder mit wienerischer Betonung), »ja, für den Kahhlahhf gibt’s ja im Momeeennt gar keine Stiemmme«.

    Wir sind dann nach der Oper noch essen gegangen und unterhielten uns über alles Mögliche, bis ich, wie immer, irgendwann Leo Perutz erwähnte, der ja auch irgendwie Wiener war, und irgend etwas passte jedenfalls und verleitete zu einem pindarischen Sprung. Ich beschrieb dann ungefähr, was Perutz gemacht hat – denn der Hobbysänger hatte noch nie von ihm gehört –, also, dass er häufig bei historischen Ereignissen im historisch wenig bis ungeklärten Raum Nebenrollen platzierte, und den Sänger erinnerte das doch tatsächlich an: Christa Wolf. »So wie Christa Wolf in Medea«, sagte er.

    Christa Wolf und Leo Perutz, was für eine Combo. Aber »Medea« werde ich nun mal lesen müssen, der Rest von C. Wolf gefiel dem Herrn Sänger auch nicht so richtig.

  • Immer wieder Perutz, immer wieder Fontane

    Ich habe jetzt den letzten mir fehlenden Perutz-Roman gelesen, »Turlupin«. Er spielt in Paris zu Zeiten Richelieus. Während des ersten Drittels des Buches war ich ein bisschen perutzmüde und las so dahin, aber irgendwann packte es mich wieder, und ich frage mich, wie er das macht, wie er das immer wieder schafft. Die Story ist erste Sahne, wie gewöhnlich, dazu dieser Style, der fliegt so dahin, das ist ein wahrer Traum.

    Neulich las ich auch mal wieder Fontane, das muss ich einfach immer mal machen (im Archiv nennen sie mich schon Fonty, hehe). Ich hatte irgendwo auf dem Flohmarkt »Stine« gekauft und las es dann ein paar Tage später im Zug. Auch bei Fontane geht es ja oft ein bisschen lahm los und ist dann eben dieser Fontane-Style, und dann dachte ich mir, meine Fresse, jetzt lese ich schon wieder Fontane. Im Zeichen der Leseökonomie sollte ich doch lieber in die Breite lesen, um mehr andere Autoren abzudecken.

    Aber »Stine« ist ja nur eines dieser kurzen Bändchen (gern unter dem furchtbar klingenden Schirm »Berliner Frauenromane« geführt), ein paar dutzend Seiten war ich jedenfalls im Zweifel mit meiner Lektüre, ärgerte mich, dass ich nichts anderes eingesteckt hatte, aber plötzlich hatte ich wieder diesen Fontane-Moment. Das ist der Teil der Story, bei dem man einfach nur noch denkt: WTF!

  • Einsteins Briefe

    Gestern in der U-Bahn fragt unsere Praktikantin, was ich gerade lese. Ich habe ein Buch in der Hand, einen Suhrkamp-Sammelband mit Essays über H. P. Lovecraft, und den kennt sie jedenfalls nicht. Ich erzähle kurz, wer das ist und dass er so viele Briefe geschrieben hat.

    Heute Mittag sagt sie dann zu mir, weil ich doch gestern das mit den Briefen erzählt habe, dass ihr jemand mal ein Buch mit Briefen von Einstein geschenkt hat, und einmal hatte sie überhaupt nichts mehr zu lesen, und dann hat sie aus Verlegenheit diese Einstein-Briefe gelesen, und die waren dann ziemlich gut.