Achtung! Spoiler!
Episode Title: »Across the Sea«
Episode Number: 6.15 (#117)
First Aired: May 11, 2010 (Tuesday)
— Umblätterers Episodenführer (Staffeln 4, 5 und 6)
»Finally, after so many years, the truth about Lost is revealed
tonight. And apparently the truth is that it is stupid.«
twitter.com/WriteOnCrouton
In dieser viertletzten Folge wird der Mythos nachgereicht, und zwar auf langweilige, klischierte Art und Weise. Die beiden parallelen Gegenwartshandlungen pausieren.
Der Mythos
Alles beginnt mal wieder mit einem Schiffbruch in den Hoheitsgewässern der magischen Insel. Inmitten vereinzelter Planken einer ansonsten restlos untergegangenen Barke taucht eine Frau auf. Sie ist hochschwanger, trägt ein knallrotes Gewand und langes Ebenholz-Haar, eine römische Variante von Schneewittchen. Sie wird an den Strand gespült und begibt sich ins Innere der Insel, wo sie an einem Bächlein niederkniet und trinkt.
Plötzlich steht ihr eine Frau in Kartoffelsackkostüm gegenüber. Und aua, auaaaa! sie spricht (soll sprechen) ein zurechtgeschustertes Latein, mit einem amerikanischen Akzent zum Davonlaufen, es ist das grässlichste Latein, das jemals erklungen ist.
–Ad quo nomine appellares?
–Mihi nomen est Claudia.
Ein Geräusch wie Gabelkratzen auf Porzellan erklingt, auf einmal sprechen die beiden Englisch. Äh, ok. Beide verständigen sich darauf, dass sie »by accident« auf diesem Eiland gelandet seien.
Bei flackerndem Feuer folgt die Entbindung. Ein Junge schlüpft heraus, »his name is Jacob«, und dann – Zwillingsgeburt! – kommt da noch ein Junge nach, der aber keinen Namen erhält: »I only picked one name.« Sicher die bescheuertste Ausrede der jüngeren Kulturgeschichte.
»I’m sorry«, sagt dann plötzlich die Kartoffelsacktante, erschlägt Mutter Claudia und wird damit »zur ersten von vielen absolut irren Gebüschfurien, die mordend durch die Hecken preschen und anderen Frauen die Kinder mopsen oder sich Ersatzkinder basteln: Uschi wird zur legendären Hühnerknochenübermutter.« (Zitat)
Sie hat nun die beiden Kids ganz für sich allein. Natürlich sind die Jungs das klassische Antagonistenpaar, Romulus und Remus, Kain und Abel, Esau und Jakob(!), Castor und Pollux etc. etc. So wird uns nun also diese ganze Allegorisiererei erklärt, Schwarz gegen Weiß, Gut gegen Böse, der namenlose Mann in Schwarz gegen Blondschopf Jacob.
Die ständige Herauskehr der Gegensätze ist dermaßen überflüssig, dass es schmerzt, und zwar die ganzen 40 Minuten dieser Folge lang. Alles bescheuerte Mistklischees. Irgendwann spielen die heranwachsenden Jungs ein altägyptisierendes Brettspiel, natürlich mit schwarzen und weißen Steinen.
Wer Gut und wer Böse ist, wenigstens das wird ein wenig in der Schwebe gehalten, denn auch der schwarzschopfige Junge, den die Mutter mehr zu lieben scheint, hat plausible Motive für sein Handeln. Die Unsterblichkeit der Antagonisten wird in folgendem Dialog thematisiert:
Jacob: What’s dead?
Stiefmama: Something you will never have to worry about.
Irgendwann beobachten die Jungs fremde Leute auf der Insel. Die Mutter sagt dazu: »They’re not like us. They don’t belong here. We are here for a reason.« Der Grund wird erst mal nicht dazu genannt. Dann folgt als Erklärung für die Gefährlichkeit dieser und aller zukünftiger Inselbewohner: »They come, they fight, they destroy, they corrupt, and it always ends the same.« Den Satz haben wir vorher schon mal gehört, im Finale der letzten Staffel.
Die Kids werden von der Stiefmom zu einer gülden leuchtenden Grotte geführt, ein Ambiente wie in einem russischen Märchenfilm: »This is the reason you’re here.« Dieser Ort sei zu beschützen bla bla, sie habe ihn protegiert, irgendwann sei aber ein anderer dran. Die funkelnde Grotte ist angeblich der Nabel der Welt, denn »if the light goes out here, it goes out everywhere«. Das ist letztlich nicht so überraschend, »Lost« will ja immer schon vom großen Ganzen handeln und hat das manchmal auch ganz gut geschafft.
Dem namenlosen Bruder erscheint irgendwann seine leibliche Mutter, das erschlagene Römer-Schneewittchen. Sie führt ihn zu dem Römerdorf, dass der überlebende Teil ihrer Schiffbruchkollegen erbaut hat.
Der Namenlose trägt die Info zu seinem Bruder Jacob weiter, daraufhin entbrennt ein Kampf. Dieser und die folgenden Auseinandersetzungen erinnern ein wenig an die Gorillaszenen am Anfang von Kubricks »2001«, das sollen so Pars-pro-toto-Kämpfe sein, die den weiteren Verlauf der Menschheit bestimmen.
Durch die Erscheinung seiner Mutter wurde im Namenlosen das Verlangen entfacht, zurück nach »across the sea« zu gelangen, also: E.T. nach Hause telefonieren. Er will sich den Dorfbewohnern anschließen und einen Weg weg von der Insel finden.
Nach der Hälfte der Folge ist Jacob erwachsen und lebt noch bei Muttern. Der Andere hat sich wie geplant den Dorfbewohnern angeschlossen, »my people«. Bei einem ökumenischen Treffen der Brüder vermeldet der Namenlose, dass er eine Möglichkeit zur Inselflucht entdeckt habe. Hat mit magnetischen Anomalien auf der Insel zu tun.
Jacob petzt das der Stiefmom, die rennt zum ausreisewilligen Bruder und stellt ihn zur Rede. Ein Holzrad lehnt an der Wand, »what is this?« fragt sie, nun ja, er wolle das Rad irgendwo anbringen, um einen weirden Mechanismus steuern zu können, und dann! Dann werde er die Insel verlassen, jawoll.
Eine Goodbye-Szene mit Mutter folgt, aber dann will sie ihm ans Leder und haut ihn mit dem Kopf gegen die steinerne Wand. Der Namenlose sinkt bewusstlos darnieder.
Danach führt die Mutter Jacob zum Lichtloch (»life, death, rebirth, it’s the source, the heart of the island«), er müsse das jetzt alles beschützen, er solle nur nie da hinuntersteigen, es wäre schlimmer als zu sterben, much schlimmer. Auf seinen Status als Großprotektor wird angestoßen, er trinkt, »now you and I are the same«, vermeldet die Stiefmutter.
Der Namenlose erwacht am verschütteten Brunnen und rennt zum Dorf. Es ist komplett zerstört, alle Bewohner sind tot, und der Namenlose rettet auf dramatische Art und Weise dieses komische Brettspiel, schaut aber trotzdem sehr hasserfüllt drein. Kurz darauf erdolcht er seine Mutter hinterrücks, die überraschenderweise sehr positive letzte Worte für ihren Mörder parat hat: »Thank you!«
Okay, Jacob kreuzt auf und kreischt herum: »What did you dooooo!« Es wird ordentlich gefightet, Jacob schlägt seinem Bruder die Fresse blutig und bringt ihn zum Lichtloch für ein kleines Experiment. Er wirft ihn da hinunter, und heraus kommt: das Schwarze-Rauch-Monster. Die Entstehungsgeschichte des Rauchviehs wäre also auch abgehakt.
Die Vermonsterung ist offenbar eine Metamorphose, bei der ein Leichnam übrigbleibt. Jedenfalls findet Jacob den toten Körper seines Bruders irgendwo herumliegen und bettet ihn zu seiner toten Mutter. In Einspielungen mit Jack, Kate und Locke wird uns verklickert, dass es sich bei den in Folge 1.06 gefundenen Skeletten, die damals zu »our very own Adam and Eve« deklariert wurden, also um Stiefmom und die leibliche Hülle des nunmehr als Fake-Locke und Rauchmonster umherirrenden Namenlosen handelt. Ende der Folge.
Die Explizierung des Inselmythos nimmt der Serie ein wenig die Aura, denn das Zeug ist ausgedachter als die schlimmsten heidnischen Pseudokulte. Aber gut, »Lost« wird bald enden, und zu viel Avantgarde wäre ja sicher nicht so gut für die Einschaltquoten, hehe.
Noch eine Folge plus finaler Doppelfolge.
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