Letzten Sonntag stieg ich also in den ICE, um von Dresden zurück nach Leipzig zu fahren. Ich hatte einen Schokoladenosterhasen und die FAS dabei. Zuerst las ich voller Begeisterung das sehr schöne Interview, das Volker Weidermann mit Marcel Reich-Ranicki geführt hat (S. 19). Während ich aber auf die nächste Seite umblätterte, hörte ich plötzlich etwas, das mir die ganze restliche Reise verdarb.
Und zwar saßen in der Reihe links neben mir ein Vater und sein Sohn. Der Junge war mehr oder weniger im Grundschulalter und fragte seinen Vater einfach mal so, wie viel acht mal acht sei. Und der Vater gab ihm freundlich und überzeugend die Antwort:
Der Junge war zufrieden, er blätterte weiter in seinem Bilderbuch und murmelte leise vor sich hin. Natürlich hatte ich noch mal nachgerechnet, acht mal acht ist vierundsechzig, da war ich mir trotz kurzer Verunsicherung wieder ziemlich sicher. Mit einer Mitreisenden schräg gegenüber gab es einen kurzen Blickkontakt, denn auch sie hatte aufgehorcht und aufgeschaut, als der Vater sein Verbrechen gegen die Mathematik beging, aber dann hatte sie einfach weiter in der »taz« gelesen, als ob nichts geschehen wäre.
Mir dagegen stellte sich nun die Dr.-Dr.-Erlinger-Frage, ob ich den Vater korrigieren sollte, hier vor versammelter Mannschaft im ICE. So was geht natürlich aus verschiedenen guten Gründen eigentlich nicht, niemals, das ist vielleicht das Furchtbarste, was man so machen kann, fremde Eltern fremder Kinder vor einem Haufen fremder Menschen inhaltlich zu korrigieren.
Trotzdem konnte ich mich kaum konzentrieren, als ich dann angestrengt versuchte, weiter in der FAS zu lesen. Während der Schokohase unangetastet auf dem Nebensitz hockte, steigerte ich mich immer weiter in meine Weltrettungsidee hinein. Mittlerweile war eine Stunde verstrichen, ich konnte jetzt unmöglich noch an vorhin anknüpfen, war aber immer überzeugter davon, dass ich es dennoch tun muss, auch wenn es mir absolut zuwider war. Und deshalb freute ich mich wie nie zuvor, als per Durchsage die baldige Ankunft in Leipzig angekündigt wurde.
In diesem Moment hörte ich den Jungen wieder etwas fragen, wieder das Einmaleins betreffend, diesmal ging es ihm um sieben mal neun. »Papi, wie viel ist sieben mal neun?« Und während ich den Vater in Zeitlupe den Mund öffnen sah, hatte ich die FAS zusammengeschlagen, hatte mir den Schokohasen geschnappt, war vom Sitz hochgesprungen und rannte den Gang runter. Ich wollte auf gar keinen Fall auch noch wissen, wie viel sieben mal neun ist.
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