(Übersicht: Alle 30 besprochenen Serien. – Vorwort: Besuch im Serienland.)
Eine Serie wie »Dexter« kann wahrscheinlich nur in einem Land entstehen, in dem die Todesstrafe noch nicht abgeschafft ist. Morgan Dexter (Michael C. Hall aus »Six Feet Under«) ist der verlängerte Arm dieser Justizauffassung: Der selbsternannte »Müllrausbringer« ist zwar ein Serienkiller par excellence, zerhackstückt aber sympathischerweise eben nur von der Polizei nicht gefasste Bösewichter.
Die 1. Staffel hatte ein derartiges Schockpotenzial, dass ihr Erfolg und die Ansetzung einer Folgestaffel nur mit der hervorragenden Inszenierung zu erklären sind, der ausgewogenen Mischung aus warmen Floridafarben und kaltem Inneren des unscheinbaren Massenmörders. In der 2. Staffel nun werden am Rande der Hafenbucht dessen säuberlich zerlegte Leichen entdeckt.
Als sich herausstellt, dass es sich fast ausschließlich um schwere Straftäter handelt, wird die Sache zur kontroversen Angelegenheit. In Folge 5 sehen wir etwa die Zeitungsschlagzeile »Bay Harbor Butcher: Friend or Foe?« (Dass sich der Ästhet Dexter über seinen medialen Spitznamen gleich aufregt, ist natürlich verständlich.)
Das Sympathisieren mit dem Killer wird in Staffel 2 noch dadurch verstärkt, dass Dexter mit dem grausigen Leichenfund vom Jäger zum Gejagten wird und wir nicht umhinkommen, uns mit ihm vor seiner Enttarnung zu fürchten. Überhaupt ist Dexter in einer schweren Schaffenskrise und lässt seine pathologisch bedingte Selbstjustiz kurz pausieren.
Das übrige Personal ist grandios um Dexter herumgruppiert. Etwa seine Suchthelferin, die durchgeknallte britische Extremkünstlerin Lila, die eine unbedingte Bereicherung dieser Staffel war. Sie hat ein Faible für Dexters Abgründe, ohne zu ahnen, was wirklich dahinter steckt. Diese Ungenauigkeit hat zur Folge, dass in dieser Staffel Sucht als Metapher behandelt werden kann, und demgemäß sind Dexters Off-Kommentare oft genug wieder schön doppelsinnig.
Durch Lilas Auftreten wird Dexters Freundin Rita zwar etwas aus dem Fokus gedrängt, spielt aber nach wie vor eine tragende Rolle als Alternative zu seiner inneren Kaltwelt. Das mögliche Familienglück, zu dem neben Rita auch ihre beiden Kids gehören, wird gegen Ende der Staffel wieder wichtiger, nachdem Dexter zwischendurch die Verbundenheit zu einer anderen Frau gespürt hat, der gegenüber er seine Abgründe andeuten konnte – hundertprozentige Offenheit war letztlich aber doch nicht möglich.
Er scheint verstanden zu haben, dass dies nur ein Scheinglück war und schon deshalb nicht funktionieren kann, weil er nun mal grundlegend anders gepolt ist als andere Menschen. Dieser Aspekt wird weiterhin durch einige Rückblenden in Dexters Kindheit bearbeitet, in der sein Adoptivvater die zentrale Rolle spielt.
Fehlt noch der manische Dexter-Hasser Doakes, ein Polizistenkollege, der seinen Verdacht gegen Dexter endlich bestätigt sehen kann. Genützt hat ihm das am Ende nichts, und deshalb kann Dexter unenttarnt weiter machen, eine 3. Staffel ist in Sicht (wird ab Ende September ausgestrahlt).
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