Stephan Maus (früher der beste freie Kritiker around, heute beim »stern«) war 2003 für die S-Zeitung auf der Erotikfachmesse Venus in Berlin. Daraus ist dieser Artikel entstanden:
Stephan Maus: Shuttle-Bus von Sodom nach Gomorra.
In Süddeutsche Zeitung, 20. 10. 2003.
Die »krude Bilderflut der vermarkteten Sinnlichkeit« stellen einen Metaphernhain dar, den der Autor mit Leichtigkeit plündert und in seine Beschreibungssuada montiert. Der Grundton ist, anders als bei Alexander Osangs Reportage über Pornywood, ironisch:
»Manche Nischenmärkte produzieren Tableaus, von denen die Surrealisten nicht zu träumen gewagt hätten.«
Dabei übt sich hier der dezidiert fachfremde Blick auf die Szene. Inmitten all der Pornoprodukte muss Maus das Sehen ganz neu lernen, und verwirrt begeht er dann auch einen schönen Sehfehler:
»Plötzlich fällt der Blick des Besuchers auf eine besonders krude Perversion. Doch nein, es ist nur die Vorratskammer des Weißwurststandes.«
Außer Weißwürsten begegnet Maus noch vielen anderen wundersamen Dingen und wird so »Zeuge der wundersamen Metamorphose von Obsessionen in Nischenmärkte«. Er fragt sich zu Recht, welche Nachfrage eigentlich bedient wird, wenn eine Unterwasserkamer »verträumt« schwebende Fäkalienteile aufnimmt?
Insofern ist es verständlich, dass sich der Autor am Ende seines Textes »nach lebenslanger Enthaltsamkeit« sehnt. Trotzdem ist dieser nun ja schon fast 5 Jahre alte Messebericht noch immer lesenswert, weil es ihm gelungen ist, einmal exemplarisch die bis ins – sagen wir mal: – Surreale reichende Ausdifferenzierung des Pornomarktes zu beschreiben.
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